Der Mythos wir hartnäckig hochgehalten und immer wieder bekräftigt: Unangenehme oder gar störende Raumakustik entstehe durch Reflexionen an schallharten Wänden und Decken. Vollflächig bedämpfende Decken oder andere flächige Absorber seien das Mittel der Wahl, um Nachhall abzuschwächen.
Zum Beispiel für Klassenräume, für Besprechungs- oder für Seminarräume wird die großzügige Absorption von Schall dringend empfohlen. In DIN 18041 wird sogar ausdrücklich nahegelegt, „im Zweifelsfall sollten […] eher kürzere als längere Nachhallzeiten realisiert werden“. (DIN 18041; 4.2.3 Anforderungen an die Nachhallzeit)
Aber (fast) niemand spricht vom störenden Potenzial des Kantenvolumens.
Hingegen Ratgeber im Internet oder via Internet verbreitete Broschüren bekräftigen solche „Weisheiten“ über den Zusammenhang zwischen den Nachhallzeiten und der Absorption von Schall. Allein, der physikalischen Betrachtung und Überprüfung halten solche Behauptungen nicht stand. Und bewähren sich auch nicht in der Praxis.
Dennoch: Ein Beispiel ist ausgerechnet der DGUV, der Spitzenverband der Deutschen Unfallversicherer, der in seiner Broschüre „Klasse(n) – Räume für Schulen“ solche „Tipps“ und Hinweise wiederkeut und verbreitet. … und dabei auch noch ausdrücklich auf DIN 18041 verweist!
Doch…
… woher rührt der Mythos?
Etwa von der Sabine’schen Formel? Jener Formel also, die ebenfalls vom DGUV benannt und hervorgehoben wird? Eine Formel, die ausdrücklich gerade für solche „kleinen“ Räume gar nicht geeignet ist!
Und das ist in der Branche (der Raumakustik) auch allgemein bekannt!
Wallace C. Sabine konnte dereinst die einzelnen Reflexionen (noch) nicht auseinanderhalten. So hatte Sabine die raumakustischen Probleme nicht hinreichend verifizieren und keine abschließenden Lösungen anbieten können. Aber Sabine war ein Pionier seiner Zeit und seines Faches! Und keineswegs Bequemlichkeit oder Voreiligkeit standen ihm im Wege, sondern schlicht sein verfrühter Tod.
Schon im Jahre 1900 – aber erst recht in seinen späteren Publikationen ab 1906 – hatte Wallace C. Sabine auf Probleme hingewiesen, die Größe und Form eines Raumes betreffend, insbesondere aber die höheren Frequenzen betreffend. Je mehr absorbierendes Material er in die Räume brachte, desto mehr litten gerade die höheren Frequenzen. Probleme also, von denen er wiederholt und mit immer neuen Argumenten und Beobachtungen schrieb, die seine vereinfachte Formel nicht erfassen konnte.
W. C. Sabine ist unschuldig
Wallace C. Sabine mag die Quelle des Missverständnisses sein. Die Wurzel des Übels ist weder Sabine in Person, noch sind es seine Publikationen.

Die so genannte und bis heute gebräuchliche „Sabine’sche Formel“ ist eine Grundlage, die Wallace C. Sabine im Jahre 1900 über seine Publikation „Reverberation“ im „The American Architect“ veröffentlicht hatte. Als solche – nämlich als Träger oder Ankerpunkt eines umfassenderen mathematischen Ausdrucks – mag uns die Sabine’sche Formel auch in Zukunft erhalten bleiben. In ihrer jetzigen Form und Handhabung hingegen führt sie zu unbefriedigenden und wenig alltagstauglichen Resultaten.
„Reverberation“ kann nicht übersetzt werden mit „Nachhall„. Denn es ist eigentlich der „Widerhall“, der allgemein in einem Raum herrscht. „Reverberation time“ mit „Nachhallzeiten“ zu übersetzen, ist also nicht korrekt im Sinne Wallace C. Sabine’s – und auch ausdrücklich falsch! Das, was über RT60 als das Abklingen aller Reflexionen um 60 dB erfasst und als „Nachhallzeit“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit das Abklingen aller denkbaren Formen der Reflexion von Schallenergie im Raum.
dem Mythos entgegentreten
„Reverberation“ darf mit „Nachhall“ nicht verwechselt werden! Genau dort, wo das relevant ist, übergeht man aber salopp diesen Übersetzungsfehler: in der Raumakustik.
Man mag mir gern entgegenhalten, das sei Haarspalterei. Ich müsse mich eben dem üblichen Gebrauch bestimmter Worte fügen, um verstanden zu werden. Jedoch erscheint es mir eher so, dass diese ungenaue Übersetzung Missverständnissen Vorschub leistet. Im besten Falle: nur Missverständnisse…
„Reverberation“ mit „Schallrückwürfen“ oder etwas besser „Schallreflexionen“ zu übersetzen, klänge vielleicht etwas ungelenk. Und so ist vielleicht „reverberation“ auch einfach eines dieser Worte, die man besser gar nicht übersetzen sollte. … sondern einfach übernehmen in den deutschen Wortschatz. Das ist, was bleibt, wenn man sich mit Wallace C. Sabine und seinen Schriften etwas näher auseinandersetzt.
Und bitte: Wo ist das Problem? Kennen wir überhaupt ein sinnvolles anderes Wort für die Garderobe, an die wir unsere Jacke hängen? Oder zwanglos sprechen wir von der Toilette, wenn wir uns für ein Thema aus der Gruppe entschuldigen, über das wir keine weiteren Worte verlieren möchten. Umgekehrt in der englischen Sprache gibt es Wörter, die unübersetzbar aus dem Deutschen übernommen worden sind, wie zum Beispiel „Kindergarten“ oder „Zeitgeist“. Weil sie sich nicht schlüssig mit ein oder zwei Worten englisch übersetzen ließen, hat man sie einfach in den Wortschatz integriert.